Dienstag, 11. September 2007

Toblerone-Berg 4478m – Hörnligrat (NE-Grat)

Nach dem Wintereinbruch in der Schweiz mussten wir die nächsten Touren wieder ganz von vorne planen. Wir suchten nach den Plätzen mit dem besten Wetter in der Schweiz und riefen auf ein paar Hütten an, um uns über Verhältnisse an den Bergen zu informieren.
Wir bekamen Aussagen zu hören, die ungefähr so lauteten: „Ihr wollt doch wohl erst nächsten Sommer kommen, oder? Dieses Jahr wird das nichts mehr.“ Aber bei einem Anruf auf der Hörnlihütte sagte man uns, die Verhältnisse seien gut.


Wir stiegen also bei bestem Wetter am Sonntag auf, um am Montag einen der berühmtesten Berge der Welt zu besteigen. Dieser Berg ist bekannt bei Touristen, die sogar aus China und Japan anreisen, um von Zermatt aus ein paar Fotos zu schießen. Weiterhin ist er aber auch bekannt bei Schokoladen-Fans, da er auf jeder Packung Toblerone abgebildet ist.


Zermatt ist nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wir fuhren also so weit es geht ins Tal hinauf und parkten in einem riesigen Parkhaus direkt am Bahnhof. Als wir die Parkgebühren sahen, die mit 13,50 CHF pro Tag etwas über den 4 CHF lagen, die man auf privaten Parkplätzen direkt nebenan zahlt, wechselten wir zu einem solchen. Da der Parkplatz draußen schon voll war sollten wir für den gleichen Preis in der Garage des Hauses parken dürfen.


Mit dem Matterhornexpress (einer riesigen Seilbahngesellschaft in Zermatt) fuhren wir zum Schwarzsee hinauf, um von dort zur Hütte aufzusteigen. Im oberen Bild sitze ich gerade etwas windgeschützt in der Sonne auf einem Stein, auf dem wir wenig später ein paar Stücken Kuchen verspeist hatten, um dann gemütlich den Weg zur Hütte fortzusetzen.


Der zweistündige Aufstieg zur Hütte führt über einen sehr bequemen, breiten und schön gelegenen Weg, der auch viele Tagestouristen verleitet, bei der Hörnlihütte auf ein Getränk vorbeizuschauen und wieder abzusteigen. Auf das Wahrzeichen von Zermatt und der Schokolade, dessen Schatten man im unteren Bild sieht, führt kein „leichter“ Weg hinauf. Die Beschreibung des Anstiegs in unserem Führer ist eine der aufwändigsten und längsten. Das liegt auch an dem besonderen Vorwort, in dem über eine Seite lang nur vor Steinschlag, führungstechnischen Schwierigkeiten, anspruchsvollem kombinierten Gelände und einer sehr schwierigen Routenfindung gewarnt wird.


Wegen dieser Gefahren hatten wir uns nicht den Sonntag als Gipfeltag sondern den Montag ausgesucht, an dem vielleicht weniger los wäre. Nachdem wir uns an der Hütte angemeldet hatten, machten wir uns auf den Weg zum Berg, da wir die ersten Felspassagen schon einmal im Hellen betrachten wollten. Da die Route schwer zu finden ist, gibt es das Frühstück in der Hütte erst um 5:00 Uhr, um zu vermeiden, dass man zu lange im Dunkeln klettern muss.


Viele Leute starten jedoch etwas früher oder genau so, dass sie um kurz nach 5:00 Uhr loskommen. Wir trafen unter anderem ein französisches Pärchen, das um 4:30 ohne Frühstück gestartet war und erst kurz vor dem Abendessen wieder in der Hütte eintraf. Damit waren sie aber nicht die langsamsten am Berg. Sie erzählten uns von Leuten, die noch um 22:00 Uhr in völliger Dunkelheit versuchten, durch das unübersichtliche steile Klettergelände zur Hütte zurückzukommen. Es sollte sogar jemand irgendwo auf dem Weg draußen geschlafen haben, da er die Hütte nicht mehr erreichte.


Wir schliefen den nächsten morgen bis 4:45 Uhr (Chuck sogar teilweise noch bis 5:45 Uhr siehe oben). Man konnte es aber leider nicht wirklich „Schlafen“ nennen, da wir einen starken Schnarcher auf dem Lager hatten und wir wegen sehr dünner Decken fast erfroren wären. Außerdem gingen die ersten Wecker schon kurz nach 4:00 Uhr los und eine zweite Aufbruchwelle im Lager startete um 4:30 Uhr, während wir die Augen zu pressten und versuchten noch ein wenig weiterzuschlafen.


Das Frühstück wurde dem besonders hohen Preis für die Halbpension (70 anstelle von üblichen 50 bis 56 CHF pro Person) nicht gerecht. Es gab Marmelade oder Streichkäse mit nicht mehr allzu frischem Brot. Viele nahmen sich aber nicht einmal die Zeit, das genügend zu genießen. Die Führer starteten mit ihren Kunden um 5:20 Uhr oder früher, was bedeutete, dass die Kunden schon ausgehfertig (mit Helm auf und Klimperkram am Gurt) zum Frühstück kommen mussten, da das Brot erst kurz nach 5:00 Uhr ausgeteilt wurde. Nachdem wir als die fast letzten den Frühstückstisch verließen und als die Vorletzten die Hütte, waren die anderen schon eine Weile am Berg unterwegs. Da wir direkt neben der Tür saßen, wurden uns nette Szenen geboten, als sich manche Leute in der Hütte ins Seil einbanden oder vor der Tür auf ihren Partner warteten und andere sich durch das Gewusel nach draußen kämpfen wollten. Die Personen wurden hin, her und beiseite geschoben. Das Seilgewusel, das den Weg versperrte, und die teilweise scharfen Pickel an den Rucksäcken machten das Gedränge nicht entspannter.


Es war eine ganze Menge los und ein paar langsamere Seilschaften konnten wir gleich am Einstieg überholen. Die breite Masse mit den Führern war jedoch vor uns. Wir schätzen, dass ca. 3/4 der Seilschaften geführt wurden. Die Führer schleifen ihre Kunden ganz schön hinter sich her und legen ein hohes Tempo vor. So hatten wir unterhalb des Trubels den Rücken frei und konnten entspannt den Sonnenaufgang genießen, der um 6:45 seine Vorboten über die Gipfel schickte.


Teile des Weges hatten wir schon am Vortag erkundet und der weitere Verlauf war durch Leute und Lichter vor uns auch ganz gut zu finden. Man durfte jedoch nicht einfach jedem hinterher rennen, da sich manche dann doch an der einen oder andern Stelle verliefen. Zurückblickend sahen wir eine Seilschaft, die zu weit auf den Grat hinaufgequert war und dort in der Dunkelheit anscheinend nicht mehr weiterkam.


Die Route ließ sich durch aufmerksames Betrachten der Umgebung jedoch besser finden als zuvor befürchtet. An vielen Stellen konnte man dem Fels ansehen, dass er ein wenig abgeklettert war. Oft sah man kleine Kratzer, die auf die Benutzung von Steigeisen beim Aufstieg hinwiesen und so den Weg zeigten.


Als die Sonne über die Berge kam, ließ sie die Felsen goldgelb erstrahlen. Das Klettern in diesem Gestein war sehr angenehm, da es gut griffig und nicht so brüchig wie im Führer beschrieben war.


Wahrscheinlich hatten die Massen von Bergsteigern, die sich immer wieder an diesem Steinhaufen versuchten, die losen Steine entlang der Route längst abgeräumt. Auch dieser Umstand war ein gutes Indiz dafür, dass man noch auf dem richtigen Weg war. Dort, wo noch viele lose Steine lagen, konnte man sich sicher sein, dass man sich verlaufen hatte.


Da wir ganz gut vorankamen, hatten wir nach einer Weile die breite Masse eingeholt und steckten an manchen Passagen in kleinen Staus fest. Wir schätzen, dass ungefähr 40 Leute mit uns in den Felsen herumturnten.


Ein paar Seilschaften konnten wir an schwierigeren Kletterpassagen oder bei einer Pause überholen. Da wir den kompletten Aufstieg ohne Seil gingen, waren wir flexibler als die anderen und konnten uns unabhängiger voneinander und somit schneller bewegen.


Das Wetter war super und am Himmel befand sich keine Wolke. Auf der Ostseite des Grates kamen wir nach dem Sonnenaufgang ganz schön ins Schwitzen. Sobald wir jedoch einmal auf den Grat kamen, ließ uns ein ziemlich kalter Wind schnell wieder auskühlen.


Gegen 8:42 Uhr erreichten wir ungefähr drei Stunden nach unserem Aufbruch das Solvay-Biwak. Es handelt sich um die kleine Schutzhütte im unteren Foto, in der bis zu sechs Leute im Notfall übernachten können.


Auf dem kleinen Absatz vor der Hütte auf 4003m machten zwei bis drei Seilschaften eine Pause. Eine davon kochte sogar Kaffee auf ihrem kleinen Gaskocher.


Viele andere Seilschaften hatten anscheinend mehr konditionelle Probleme, als wir sie bei uns bemerkten. Bei den geführten Seilschaften musste alles sehr schnell gehen, da die Führer natürlich auf Sicherheit achten müssen. Dazu gehört vor allem, dass man zu einer vernünftigen Uhrzeit wieder unten ist. Es läuft also so ab, dass der Führer vorrennt, den Gast am Seil hinter sich her sichert und dann gleich weiter zum nächsten Sicherungspunkt sprintet. Viele der Gäste hechelten vom Seil gezogen hinterher und machten keinen soliden Eindruck mehr.


An der letzten steilen Felspassage zum Gipfel kamen uns die ersten Seilschaften entgegen, die wieder auf dem Weg nach unten waren. Die Bergführer ließen ihre Gäste am Seil die steilen Stücke hinunter. Plötzlich kamen also am Fels herumschrabbelnde Gäste auf einen zugeflogen, sodass man auf den schmalen Stellen immer Mühe hatte, noch rechtzeitig Deckung zu suchen.


Die Situation am Berg war stellenweise etwas angespannt und gehetzt, aber insgesamt hatten wir kaum Probleme mit den Anderen. Das letzte Stück zum Gipfel bestand aus einer schnee- und eisbedeckten Flanke. Es handelte sich um die zweite solche Stelle, an der wir die Steigeisen benötigten. Insgesamt war der Firn am ganzen Berg total fest und auch weiter unten gab es im Aufstieg keine nassen Felsen, da die nassen Stellen überfroren waren. Wir haben keine Ahnung, wie die Temperaturen auf dem Gipfel waren, aber sobald man den Windschutz verlassen hatte, war es sehr eisig.


Auf diesem letzten Firnhang, auf dem es eigentlich nur noch „ein bisschen bergauf“ ging, merkten wir ganz gut, dass die Höhe und die hinter uns liegende Stecke Auswirkungen auf unsere Kondition hatten. Sobald man ein bisschen zu schnell ging, bereute man es fast sofort, da die Atmung viel zu schnell wurde und der Puls noch mehr losraste.


Um 10:38 Uhr erreichten wir den Gipfel des Toblerone-Bergs. Leider war zu dem Zeitpunkt schon Chucks Gesicht eingefroren. Er hatte schon mal schöner fürs Gipfelfoto gelächelt. Mit dieser Aufstiegszeit lagen wir gerade noch in den 4-5 Stunden, die im Führer angegeben waren. Bis dorthin hatten wir alles gut finden können und waren ganz erleichtert und zufrieden, diesen im Führer so schrecklich beschriebenen Berg so gut hinaufgekommen zu sein.


Anscheinend hatten manche aber auch an diesem Tag das Pech, nicht mehr alleine vom Berg wegzukommen. Wir hörten und sahen öfters einen Hubschrauber, der mindestens zwei Leute vom Berg holte, von denen der eine bedenklich verpackt war.
Wegen einer eisigen Kälte, die durch alles durchging und dafür sorgte, dass besonders unsere Hände einfroren, verließen wir sehr bald wieder den Gipfel. Für den Abstieg legten wir sicherheitshalber das Seil an, um aus Erschöpfung oder Unachtsamkeit resultierende Fehler nicht zu unseren letzten zu machen.


Es gelang uns auch auf dem Abstieg den Weg ganz gut zu finden. An der kleinen Solvayhütte machten wir die erste richtige Pause und setzten dann unseren Weg nach unten fort. Dabei brauchten wir auch noch unsere volle Konzentration, um dem Weg zu folgen. Viele Stellen hatten wir uns beim Aufstieg eingeprägt und erkannten sie nun wieder. Nur im unteren Teil des Abstiegs mussten wir ein bisschen mehr suchen, da wir diesen ja noch im Dunkeln gegangen waren und mittlerweile wohl einfach sehr kaputt waren. Auf dem Abstieg wurde ich noch von einem Bergsteiger gefragt, ob ich ihm die Batterien meiner Stirnlampe geben könnte, da wir ja sicher noch im Hellen hinunter kämen. Er hatte seine leider verloren und befürchtete in die Dunkelheit zu kommen. Leider hatten wir unterschiedliche Batteriegrößen.
Um 16:51 Uhr erreichten wir die Hörnlihütte. Damit hatten wir für den Abstieg fast eine Stunde länger als für den Aufstieg benötigt. Nach dem Packen der Rucksäcke berechneten wir die uns zur Verfügung stehende Zeit, um noch zum Auto zu kommen. Die letzte Seilbahn nach unten war um 16:45 Uhr abgefahren (und das sowieso fast zwei Stunden von der Hütte aus entfernt). Wir würden also noch über 1600 Höhenmeter nach Zermatt herunter laufen müssen. In Zermatt müssten wir noch schnell einen Zug kriegen, der uns wieder nach Täsch zum Auto bringen würde. Etwas kritisch war dabei die Zeit. Die private Garage sollte um 21:00 Uhr schließen, wobei wir uns naiver Weise nichts gedacht hatten. Wenn wir mal die Stunden addiert hätten, die man für den Berg und den langen Abstieg benötigt, hätten wir eigentlich sofort gemerkt, dass das sehr riskant ist.
Am oberen Ende der Belastungsgrenze rannten wir also den Weg nach Zermatt hinunter. Der Weg von der Seilbahnstation, wo der Wanderweg mündete, zum Bahnhof in Zermatt zog sich noch einmal ziemlich und die Uhr tickte. Im Zentrum von Zermatt haben sich die Leute sicher auch ein wenig gewundert, als zwei total verschwitzte Kerle mit dicken Rucksäcken an ihnen vorbeisprinteten. Mit schmerzenden Knien und Beinen erreichten wir total fertig um 19:59 Uhr den Bahnhof in Zermatt und erwischten einen Zug, der elf Minuten später nach Täsch losfuhr.

Kommentare:

Willi's hat gesagt…

ist das schön zu lesen, macht gluschtig auf eine Bergtout:-)
Tolle Bilder!
Gruss

Anonym hat gesagt…
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